Männer liegen, Frauen sammeln / Über Nacht bin ich, von mir unbemerkt, Mitglied der Paargeneration geworden. Mit leiser Melancholie denke ich nun, da mein Leben so perfekt und elegant ist, an die Zeiten jugendlichen Weltschmerzes und der Sehnsucht nach dem Menschen, der alles ändern würde. Schön war es doch, so haltlos unglücklich die Schreie der Schwalben zu verfolgen, in glibberigen, allein zugebrachten Sommernächten. Das ist vorbei. Für immer. Wer in einem gewissen Alter noch Liebeskummer hat, macht sich lächerlich.Fast alle von mit gekannten Personen haben die träumerischen Ideen von einem perfekten, inhaltlich und äußerlich brillanten Partner zu Gunsten eines real existierenden Beat aufgegeben, und die Alleingebliebenen sind in Reha-Einrichtungen verschwunden. Die Evolution geht also ihren Gang, wenngleich auch der Charakter der Paarbeziehungen ein anderer geworden ist. Früher, als ich noch ein einsamer junger Mensch war, wurde dem Mann noch ein wenig die Illusion des Patriarchen gelassen. Er durfte mehr Geld verdienen, die Frauen gaben es aus, und dem Mann das Gefühl, ein toller Hecht zu sein. Heute sind meist die Frauen die Verdiener, die sich einen Mann leisten, der weniger unterhaltsintensiv ist als ein Kind, und weil allein sein nicht die Lösung ist.
Die Männer in den Beziehungen, die ich beobachte, befinden sich stets in einer Umorientierungsphase, was heißt, sie gehen der naturgegebenen Faulheit nach und haben gemerkt, dass es sehr viel angenehmer ist, die Frauen arbeiten zu lassen. Manchmal erziehen sie das Kind, oft das adoptierte oder artifiziell erzeugte, und die Frauen wären keine, wenn sie nicht ständig ein schlechtes Gewissen hätten darum. Der arme Mann könnte sich ja unwohl fühlen, dominiert, unterdrückt und so wird der arme Tropf mit Aufmerksamkeit bedacht, um die er gar nicht gebeten hat. Die Generation unserer älteren Schwestern begann mit der Unsitte, Männer am Gebären teilhaben zu lassen, wo sie in Folge in Ohnmacht fielen, oder in die Impotenz (Ja, ich verstehe Bernd, es war halt ein Schock für ihn, all das Blut), die Ära der GEMEINSAMEN INTERESSEN war das, als man permanent irgendeinen Quality Time Käse mit seinem Partner machen musste. Um die Blocks rennen, Tandem fahren, Rückbildungsgymnastik - nur um die Illusion zu nähren, das Mann und Frau eigentlich aus dem selben Holz geschnitzt waren.
Er will nicht reden. Nicht mit Frauen.
Heute wissen wir es eigentlich besser, aber wir wissen ja auch, dass Autofahren die Umwelt verpestet. Und so wird der Mann überall mit hingezerrt, wo er nichts zu suchen hat. Jetzt hocken sie da. Überall hocken sie, die Partner. Ein Treffen allein mit einer Freundin ist nicht mehr möglich, sie könnte vor schlechtem Gewissen nicht entspannen, und so verspannt sie alle.
Die Frauen sind in Anwesenheit der Männer gekünstelt, als hätten sie ihr Baby dabei, huschen ihre Augen wie kleine Luchse immer wieder zu ihrem Partner. Hat er es warm, isst er, sind die Windeln noch frisch, fühlt er sich kommod? Fühlt er sich nicht. Der arme Mann, der eigentlich zu Hause glücklich wäre, am Computer, in Unterhosen, muss in ungemütlicher Runde unechte Gespräche belauschen. Und womöglich auch noch etwas sagen. Beat meinte auch, dass der neue Tarantino ein Scheiß sei … sagt sie. Und Beat bekommt einen roten Kopf. Er will nicht reden. Nicht mit Frauen. Mit seiner Frau daheim mag das angehen. Die meisten Paare haben sich untereinander auf einen Code geeinigt. Sie reden in Kindersprache, zwicken sich in den Bauch und haben es ganz angenehm. Bringt man das Paar jedoch in einen öffentlichen Raum, funktioniert nichts mehr. Die Frauen reden zu viel, die Männer gar nichts, oder Bullshit, weil ihnen unwohl ist.
Mit einem Freund wäre das etwas anderes. Mit einem Freund könnte er ein Bier trinken und Männerthemen bereden. Sport und Politik, oder gar nichts. Und sie wären froh dabei. Unfroh wären sie hingegen, wenn eine Frau anwesend wäre, die ihre ist.
Die ist aber da, hat ein schlechtes Gewissen, und so geht das Theater weiter. Überall sieht man sie stehen, in den Läden, Männer mit müden Gesichtern, Frauen mit verspannten Mienen. Denn einkaufen geht NICHT mit Männern. Und das ist gut so. Der Mann muss liegen, die Frau sammeln. So will es das Gesetz. Ich hörte von Männern, die mit auf Wellnessfarmen geschleppt wurden, oder in Hugh Grant Filme, und das alles nur, weil uns die Generation der älteren Schwestern erzählt hat, dass man Zeit mit dem Partner verbringen muss, und gemeinsame Interessen der Kitt der Beziehung sind.
Es gibt keine gemeinsamen Interessen von Mann und Frau …
… Auf der Liste dessen, was Paare aneinander bindet, stehen Kinder und gemeinsamer Besitz, stehen Humor und wenig Streit. Gemeinsame Interessen - gar nicht. Sicher kann man ab und an etwas mit seinem Partner machen, was über gemeinsame Nahrungsaufnahme, den Bericht über die tägliche Ausscheidung und die Kinderaufzucht hinausgeht. Aber doch bitte nicht alles! Das Geheimnis einer reizenden erwachsenen Beziehung ist doch, dass jeder sein Leben fortsetzt wie zuvor, das man jemanden hat, neben dem man einschlafen kann, und der bedingungslos zu einem hält. Es ist, einander Familie zu sein, und die schleppt man ja auch nicht überall hin.
Sollten Sie bisher noch nicht verstanden haben, was ich ihnen nahe bringen möchte, noch einmal einfach: Männer mögen keine Tanztheater, sie hassen Läden, die keine elektronischen Artikel oder Musik verkaufen, sie interessieren sich nicht für unsere Freundinnen, geschweige denn auf ganze Abende mit ihnen, sie haben eine Scheu vor Krankheiten aller Art, dazu gehört auch Kinderkriegen, sie schätzen Kunstausstellungen nur bedingt und Filme mit Hugh Grant - gar nicht. Warum wende ich mich so Frauenzeitungen-stereotyp und klischiert nur an Damen? Die Statistik des Elends, und mein ungeheurer Erfahrungsschatz.
Selten werden Männer betteln, dass ihre Partnerin sie zu einem Fußballspiel, in die Bar mit seinen Freunden, oder zu einem richtig netten Abend im Internet begleiten möge. Die Aufzählung männlicher und weiblicher Vorlieben hat nichts Wertendes, denn was den Menschen interessiert, ist von derselben Belanglosigkeit. Es gibt keine Bonuspunkte für gesteigertes Kunstinteresse, das uns nach unserem Ableben aufs A-Deck verbringt. Alles ist gleich unwichtig und niedlich, was Menschen treiben um ihre Zeit herumzubringen. Haben sie ihren Partner lieb und kraulen sie ihn, versorgen sie ihn gut, aber lassen sie ihn um Himmelswillen nicht an all dem Quatsch teilhaben, der ihnen so einfällt.
Wenn Sie, Mann und Frau jetzt empört tun, dass ich doch keine Ahnung hätte, und sehr wohl liebt Beat Gespräche über Kunst und TV Serien und Tanztheater, dann habe ich eine interessante Neuigkeit für sie: Einer von ihnen ist schwul. Na, wer das wohl sein mag?
/ Von Sibylle Berg. Dieser Text erschien bei readers-edition.de unter http://www.readers-edition.de/2007/08/03/maenner-liegen-frauen-sammeln
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Im März 2006 ist das Buch Alles auf dem Rasen von Juli Zeh erschienen, eine Sammlung journalistischer Texte und Essays zu den unterschiedlichsten Themen wie Politik, Gesellschaft, Reisen oder Schreiben, die Juli Zeh für Medien wie den Spiegel, die Zeit oder die Welt geschrieben hat. Gerade im Wahlkampf, in dem sich Juli Zeh für die SPD ausgesprochen hatte, war die Autorin eine gefragte Stimme. jetzt.de hat sie auf der Leipziger Buchmesse getroffen, im Vorfeld der Veranstaltung Die extrafette Juli Zeh-Nacht. / Das Gespräch führte Caroline von Lowtzow.
jetzt.de: Du wirst immer wieder als Stimme deiner Generation befragt. Wie ist es dazu gekommen?
Juli Zeh: Ich glaube, das lag einfach daran, dass es so wenig Leute gab, die sich überhaupt geäußert haben und obwohl ich mich gar nicht so als Sprecherin fühlte, hat sich das einfach daraus ergeben, dass die Journalisten sich wohl überlegt haben, Mann, wen rufen wir denn jetzt an. Die Auswahl war dann so klein, dass sich das auf wenig Personen verteilt hat und auf mich ein großer Teil abgefallen ist. Ich denke nicht, dass es daran lag, dass ich was zu sagen gehabt habe, was als extrem repräsentativ empfunden wurde. Ich glaube, es war wirklich mehr ein logistischer Effekt.
jetzt.de: Warum wollen sich denn die anderen Autoren nicht äußern?
Zeh: Meine Theorie ist, dass das ein Effekt der mir im Grunde sehr sympathischen Weigerung ist, sich mit Gruppenverhalten zu identifizieren und mit der Weigerung Parolen vor sich herzutragen. Deshalb will man auch nicht mit einer Partei identifiziert werden. Aber dann wird es immer schwieriger, überhaupt noch eine politische Meinung zu äußern, weil man immer der Beliebigkeit ausgesetzt und von allen Seiten angreifbar ist. Das ist, denke ich, ein Grund, warum zumindest Autoren zunehmend kein Interesse zeigen, in irgendwelche Debatten einzugreifen: sie wollen nicht Fürsprecher für eine Partei sein, weil sie sich damit nicht identifizieren. Gerade im Wahlkampf ist das aber so gut wie unmöglich. Ich habe mich mehr als SPD- denn als CDU-Fan geoutet, was dazu führte, dass ich sofort in der Sozi-Schublade drin war, was eigentlich gar nicht meinem Ansatz entspricht.
jetzt.de: Man kann sich aber doch auch politisch äußern, ohne Position für die eine oder andere Partei zu beziehen.
Zeh: Ja klar, das kann man auch und das ist auch nur eine mögliche Theorie von mir. Ich kriege aber von Leuten mit, dass sie generell ein Unbehagen gegenüber der Politik haben, eben weil das immer noch so eine Gruppenveranstaltung ist. Das ist in einer Demokratie ja auch gewollt: man organisiert sich in Interessengruppen und spricht dann immer mit diesem Hintergrund. Für ein Einzelwesen ist da kein Platz vorgesehen. Einzige Ausnahme war da lange der frei flottierende Intellektuelle. Aber der hat in letzter Zeit ja auch stark an Ansehen verloren.
jetzt.de: Woran liegt das?
Zeh: In den sechziger und siebziger Jahren haben das viele sehr demonstrativ vor sich hergetragen, was vielleicht etwas Überdruss hervorgerufen hat und das Gefühl, ich möchte nicht sein wie Günter Grass und wichtige Reden schwingen. Denn, ich denke, es liegt nicht daran, dass die Leute nicht mehr politisch sind. Man erlebt das ja im Freundeskreis und auch unter befreundeten Autoren, dass die sehr wohl eine Meinung haben und zwar eine dezidierte.
jetzt.de: Wie kommt es, dass du diese Scheu nicht hast, dich zu äußern?
Zeh: Vielleicht ist das Typfrage. Ich habe mir im Grunde, auch lange bevor das Veröffentlichen überhaupt in Sicht war, schon immer gewünscht, dass ich irgendwann mal die Gelegenheit bekomme, mich zu Themen zu äußern. So wie man sich Dinge wünscht, von denen man nie glaubt, dass sie wahr werden. Ich habe oft so einen starken Drang, weil ich starke Meinungen entwickle, die ich dann auch sagen will. Deswegen war das für mich wie ein Geschenk, dass das plötzlich ging. Ich habe wirklich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, ob das komisch ist, nicht mehr modern, anrüchig, nicht gewünscht oder wie auch immer. Ich bin da völlig naiv ran gegangen und war schon mitten drin, bevor ich das erste Mal mitbekommen habe, dass es Leute gibt, die dazu eine Haltung haben, und dass es auch eine öffentliche Meinung gibt, ob man sich als Schriftsteller einmischen soll oder nicht. Für mich war das völlig natürlich. Endlich werde ich gefragt, jetzt sag’ ich auch was.
jetzt.de: Wie ist denn die öffentliche Meinung dazu, was man als Schriftsteller tun darf und was nicht?
Zeh: Also im Wahlkampf zumindest, was ja nun das letzte Ereignis ist, zu dem ich etwas gesagt habe, hat die Reaktion der Presse schon gezeigt, dass es zumindest den Journalisten lieber wäre, wenn wir die Klappe hielten. Sehr viele haben da sehr aggressiv drauf reagiert. Auf mich in einem kleineren Rahmen auf Autoren, die das noch massiver getan haben im Wahlkampf, entsprechend extremer. Sogar von anderen Schriftstellern, die gesagt haben, macht euch nicht wichtig oder ihr lasst euch vor nen Karren spannen.
jetzt.de: Fändest du es denn wichtig, dass sich mehr Leute politisch äußern? Jenseits von Politikern, Journalisten und Experten?
Zeh: Ich fände das gut, denn die Menschen kommen im öffentlichen Diskurs kaum mehr zu Wort. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ein Autor zwar nicht mit Spezialwissen aufwarten kann, aber vielleicht auch gerade deshalb näher an der „normalen“ Sicht auf die Dinge steht. Weil er als einigermaßen denkender Mensch sehr subjektiv die Welt erfährt und das wieder gibt. Und damit tut er im Grunde etwas, was jeder von uns macht, mit dem Unterschied, dass der Schriftsteller es in Sprache umsetzt. Ein Journalist ist dagegen in ein bestimmtes System eingebunden und muss Regeln der Berichterstattung befolgen. Deswegen denke ich schon, dass ein Schriftsteller, wenn er sich äußert, vielleicht eine viel größere Nähe zu den Rezipienten aufbauen kann und das als Ausgleich zu Journalismus und Expertentum besonders wichtig ist.
jetzt.de: Immer wieder stellen Studien fest, dass die Menschen von den Parteien und den Politikern enttäuscht sind. Siehst du die Gefahr, dass sich unser politisches System von den Menschen abkoppelt?
Zeh: Ganz abstrakt schon. Systeme überleben sich immer, das zeigt die Geschichte. Wir beginnen das zu vergessen und glauben, unser System sei die Endstufe dessen, was denkbar und überhaupt möglich ist. Ich mag Panikmache auch überhaupt nicht und will keine Untergangsszenarien beschreiben. Ich fände es nur wichtig, dass das Tabu, mit dem die Demokratie bei uns belegt ist, ein bisschen aufgebrochen würde und dass wir anfangen, sei es spielerisch, aus Neugier oder aus Lust an der Utopie, Gegenentwürfe und Änderungsmöglichkeiten im Kopf zu entwickeln. Das soll nicht heißen, dass man die Demokratie abschafft, aber dass man darüber nachdenkt, wie demokratische Mitbestimmung auch in anderen institutionellen Systemen und ohne Parteien möglich wäre.
jetzt.de: Hast du denn selber schon einen Entwurf im Kopf?
Zeh: Ich spiele daran herum. Einzelne Ideen tauchen auch in Alles auf dem Rasen schon auf. Zum Beispiel als Mitbestimmungsmöglichkeit darüber nachzudenken, ob es nicht gut wäre, wenn jeder von uns bestimmte Prozentsätze seines Steueraufkommens über die Steuererklärung ressortgebunden verteilen könnte. Ein Prozent der Steuer könnte man dafür hernehmen und sagen, drei Zehntel davon gehen in die Kultur, weil mir das wichtig ist, ein Zehntel in die Verteidigung oder in die Umwelt usw. Man hätte dadurch parteiunabhängig ein großes Einflusspotential, denn nichts ist so wichtig wie das Geld. Das hätte unmittelbare Wirkung und man könnte Leute sofort abstrafen.
/ Alles auf dem Rasen von Juli Zeh ist Schöffling & Co. Verlag erschienen, 296 Seiten, und kostet 19,90 Euro.
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Das Eva-Braun-Prinzip - Ein Kommentar zu Eva Hermans Das Eva-Prinzip. / Unlängst führte ich in meinem Freundeskreis ein kleines Experiment durch. Ich fragte: "Woher stammt folgendes Zitat?": "Viele Frauen wollen Kinder und eine harmonische Familie. Selbst Frauen, die im Beruf aufgehen, verspüren den Wunsch nach Kindern. Von ihrem Opfer und der Bereitschaft, eine Schwangerschaft und auch die Einschnitte danach auf sich zu nehmen, hängt das Überleben des deutschen Volkes ab." 50 Prozent meiner Freunde tippten auf das Eva-Prinzip von Eva Herman und ihrer Co-Autorin Christine Eichel. Knapp 50 Prozent tippten auf Frank Schirrmachers Frühjahrsbestseller Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. Und die wenigen unter meinen Freunden, die Die Zeit wirklich gründlich lesen, tippten auf ein bislang unveröffentlichtes Manuskript von Ulrich Greiner, der im April in besagter Wochenzeitung die Opferbereitschaft der Frau als Mutter besungen hatte. Alles falsch. Die zitierten Sätze finden sich auf der Homepage der NPD. Und zwar auf der Berliner "Heimseite" unter dem Titel "Frauen, die sich trauen ... ".
Was will uns dieses Experiment zeigen? Dass ich einen zu Sarkasmus neigenden Freundeskreis habe? Oder dass wir in den letzten Monaten von wohl etablierten Diskursteilnehmern mit grenzbraunen Ansichten in Sachen "Mutterschaft" und "natürliche Rolle der Frau" dermaßen zugeschüttet wurden, dass uns der Sound bekennender Rechtsradikaler in diesem Bereich gar nicht mehr "radikal" erscheint? Hätte ich dasselbe Experiment vor einem Jahr gemacht, vor Minimum und Eva-Prinzip, hätte nicht jeder einigermaßen wache Zeitgenosse sofort gesagt: "Was willste denn mit dem Neonazi-Zeug?" Die unlängst erschienene Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Vom Rand zur Mitte weist nach, dass in Deutschland 2006 rechtsextremes Gedankengut beileibe kein Privileg derjenigen ist, die marodierend durch die ostdeutsche Provinz ziehen bzw. am Wahltag ihr Kreuz bei NPD, DVU oder anderen rechtsextremen Splitterparteien machen. Sondern - wie der Titel der Studie nahe legt - in der "Mitte" der Gesellschaft fest verankert ist. Die Studie untersucht, wie verbreitet sozialdarwinistische, antidemokratische, totalitäre, ausländerfeindliche und antisemitische Einstellungen heute sind. Das Ergebnis: Ein Schock. So stimmen etwa 26 Prozent unserer Landsleute der Forderung zu, was Deutschland jetzt brauche, sei "eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert". Rund 18 Prozent glauben, dass "der Einfluss der Juden auch heute noch zu groß ist". Neben diesen offensichtlichen Kernkompetenzen des Rechtsextremen fragten die Forscher aber auch sexistische Einstellungen ab. Zum Beispiel: "Die Frauen sollten sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen" oder "Für eine Frau sollte es wichtiger sein, ihrem Mann bei seiner Karriere zu helfen, als selbst Karriere zu machen". Das Ergebnis: Je rechtsextremer das sonstige Weltbild des - und ebenso der - Befragten, desto höher die Zustimmung zu sexistischen "Thesen".
Bei jeder antisemitischen oder ausländerfeindliche Verbalattacke rufen alle: "Wehret den Anfängen!" Wieso ruft dies niemand bei den publizistisch-sexistischen Amokläufen dieser Tage? Weil wir Sexismus - im Gegensatz zu Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus - für Folklore halten? Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt einmal mehr: Sexismus ist keine Einstellung, die mit Rechtsextremismus zufällig einhergeht wie meinetwegen Vegetarismus. Sexismus ist ein ebenso treuer Begleiter des Totalitären wie Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit. Ist das Hirn erst einmal mit biologistischen Geschlechterstereotypen zutapeziert, sinkt die Scheu, den Rassegedanken einziehen zu lassen. "Emanzipation der Frau von der Frauenemanzipation ist die erste Forderung einer weiblichen Generation, die Volk und Rasse, das Ewig-Unbewusste, die Grundlage aller Kultur vor dem Untergang retten möchte." Was glauben Sie? Von wem stammt dieses Zitat? Nein. Auch nicht. Nein. Es findet sich im Mythus des 20. Jahrhunderts, dem zentralen Werk von Alfred Rosenberg. Er war der Chefideologe der Nazis. Bei den Nürnberger Prozessen wurde er zum Tode verurteilt. "Na toll", werden Sie sagen, "genau so klingt es ja auch." Aber wie klingt der folgende Satz: "Ist es Zeit, die wahre Bestimmung der Weiblichkeit zu erkennen und in unserer Gesellschaft zu installieren, um uns zu retten?" Klingt er nicht verdammt ähnlich? Er findet sich im Eva-Prinzip. "Jetzt mal halb lang", werden Sie einwerfen. "Eva ist vielleicht ein bisschen dämlich. Aber doch nicht braun." Das ist sie natürlich nicht. Sie schreibt bloß Sätze wie: "Wenn wir das Feld solchen Aufwieglerinnen [gemeint sind Feministinnen, Anm. TD] überlassen, finden wir niemals einen Weg zurück zum selbstverständlichen Muttersein ... Mit der unreflektierten und gehorsamen Gefolgschaft dieser feministischen Äußerungen erlauben wir vereinzelten, mit schwarzen Kutten getarnten Scharfmacherinnen, auf unsere persönlichen Geschicke Einfluss zu nehmen und uns in unser Verderben zu führen ... Hetzen nicht gerade wir Frauen unter großem Druck diffusen Vorstellungen hinterher?" Die gehetzte Frau trieb allerdings auch schon Rosenberg um: "Die "amazonenhafte" Emanzipierte ist daran schuld, dass die Frau die Hochachtung vor ihrem eigenen Wesen zu verlieren begann und die Werte des Mannes zu den ihrigen machte. Dies bedeutete eine seelische Störung, ein Ummagnetisieren der weiblichen Natur, die denn auch heute irrlichternd dahinlebt."
Die Beantwortung der Frage, welche der beiden Textstellen den "stürmerischeren" Sound anschlägt, überlasse ich Ihnen. Die gedankliche und argumentative Nähe ist frappierend. Keine Angst. Ich will Eva Herman und ihrer Co-Autorin keinen Plagiatsvorwurf anhängen. Ich will einfach ein paar Zitate gegenüberstellen. "Die Forderung der heutigen Frauenemanzipation wurde im Namen eines schrankenlosen Individualismus erhoben." Bei wem steht's? Richtig. Bei Rosenberg. Denn Eva ist schon einen Schritt weiter: "Das Hohe Lied des Individualismus hat längst seinen verführerischen Klang verloren ... Auch mein Lebensmotto lautete viele Jahre lang: 'Verwirkliche dich selbst!' Doch mittlerweile haben sich mir reichlich Gründe erschlossen, warum man sich von dieser gefährlichen Vorstellung befreien sollte." Was die wahre Bestimmung des Weibes ist, hat es sich erst mal von den "gefährlichen Vorstellungen" befreit, verrät uns Eva natürlich auch: "Wenn wir uns zum Frausein bekennen und unserer Weiblichkeit folgen, werden viele Entscheidungen wesentlich einfacher, weil sie vorgezeichnet sind. Die Gestaltung eines Heims, einer Partnerschaft, in der wir an der Seite eines Mannes segensreich wirken können, das Leben in einer Familie mit Kindern, die uns zwar einiges abverlangen, doch mindestens ebenso viel Lebenskraft, Glück und reiche Erfahrungen schenken - all das ist wichtiger als das quietschende Hamsterrad." Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Was meint Eva mit dem Hamsterrad? Schlagen Sie nach bei Rosenberg: "Hinzu kam nun aber als verstärkendes Moment die sich durch Welthandel und Überindustrialisierung zuspitzende soziale Lage. Die Frauen waren gezwungen, ihren Männern in der Fabrik behilflich zu sein, um das Leben der Familie zu fristen." Sollte Ihnen diese Formulierung der Kapitalismuskritik zu männlich-terminologisch klingen, hier ist die weiblich-empathische: "Es ist unumgänglich, eine Wahrheit auszusprechen, die so gar nicht zum heldenhaften Begriff der Selbstverwirklichung passt: Oftmals ist er nur ein Deckmantel für wirtschaftliche Zwangslagen, die Frauen ungewollt in belastende Arbeitsverhältnisse drängen."
Wo die beiden Recht haben, haben sie Recht. Keine rechte Einigkeit besteht jedoch in der Frage, wer denn nun schuld ist an der ganzen Geschlechterverwirrung. "Der Mann ist angesichts der heutigen Zustände durchaus nicht in Schutz zu nehmen. Im Gegenteil: er ist in erster Linie schuld an den heutigen Lebenskrisen. Aber seine Schuld liegt ganz wo anders, als wo die Emanzipierten sie suchen! Sein Verbrechen ist, nicht mehr ganz Mann gewesen zu sein, deshalb hat auch das Weib vielfach aufgehört, Frau zu sein." Schreibt Rosenberg. Eva teilt die Diagnose. Allerdings mag sie nicht erkennen, dass der verweichlichte Mann angefangen hätte: "Frauen dürfen schon lange keine Frauen mehr sein, wenn man den Thesen des Feminismus folgt, und nun dürfen auch die Männer keine Männer mehr sein! ... Dauernd wird also am Mann herumerzogen, ständig werden neue Rollen und neue Regeln erfunden, als sei er ein wildes Gewächs, das erst beschnitten [sic!] werden muss, um in den Garten zu passen." In welchen Garten Eva passt, seit sie vom Schöpfer samt Adam und Apfel aus dem Paradies geschmissen wurde, weiß wiederum Rosenberg: "Verbrämt durch Pochen auf "Persönlichkeitswert" und "Selbstbestimmung" geben wahnwitzig gewordene Weiber den letzten Schutz ihres Geschlechtes preis, zerstören die einzige Form, die ihnen und ihren Kindern eine Lebenssicherheit bietet ... Die Worte: "Eine Frau, die Selbstachtung besitzt, kann eine gesetzliche Ehe nicht eingehen" (Anita Augspurg), darf man als Evangelium des erotischen Programms betrachten." ("Erotisch" können Sie hier mehr oder weniger mit "emanzipatorisch" gleichsetzen.) Was dem Rosenberg sin Augspurg, is der Eva ihr Beauvoir: "Tief verinnerlicht haben die Enkelinnen Simone de Beauvoirs die Kriegserklärung an die traditionelle Frauenrolle, sind getragen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Männer ... Bringen wir es auf den Punkt: Diesen Frauen hat der Feminismus sehr viel genommen, gegeben aber hat er ihnen nur die Nachahmung der männlichen Rolle ... Einsamkeit. Das war es. Birgit wirkte einsam." Vielleicht hätte die arme Birgit statt der Beauvoir einfach den Rosenberg lesen sollen, dann hätte sie nämlich rechtzeitig erkannt: "Vom Standpunkt der Frau könnten Staat, Rechtskodex, Wissenschaft, Philosophie als etwas Äußeres angesehen werden. Wozu denn immer Formen, Schemen, Bewußtsein? Ist das dahinfließende spontane, Unbewußte im Erleben des Tiefsten nicht größer und schöner? Braucht es denn immer der Werke, um Seele zu beweisen?" Und als hätte sie in einem früheren Leben nicht mit Bettina Tietjen, sondern mit Alfred Rosenberg Duett gesungen, zwitschert Eva: "Ist es wirklich so erstrebenswert ... sich im Arbeitsleben zu beweisen? Ist es das, was uns der Verstand diktiert? Es stellt sich heraus, dass wir noch weitaus mehr vergessen haben als unsere ursprünglichen Sehnsüchte. Auch die Intuition wird immer stärker verdrängt, jene wunderbare Gabe, mit der wir Menschen ausgestattet wurden, vor allem die Frauen. Wir alle kennen dieses Bauchgefühl." Jawohl. Auch ich kenne dieses Bauchgefühl. Und es sagt mir in schönstem Einklang mit meinem Verstand, dass es kein gutes Zeichen ist, wenn ein Bestseller im Jahre 2006 so klingt wie einer aus dem Jahre 1930. Der Mythus des 20. Jahrhunderts ist Gott - präziser: USA - sei Dank heute tatsächlich "Mythus". Ihn brauchen wir nicht mehr zu bekämpfen. Seien wir einfach nur wachsam, wenn freundliche Zeitgenossen am "Mythus des 21. Jahrhunderts" stricken.
/ Erschienen in der taz am 29. 11. 2006; © Thea Dorn 2006
// image credit: berberecho.
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