Dienstag, 3. Juli 2007

Le Chambre

Zink / In den Lehrheften stand ein Detail, ich hatte es beim ersten Lesen übersehen. Das so zarte, empfindliche Zink, Säuren gegenüber so nachgiebig, daß sie es mit einem Bissen verschlingen, verhält sich ganz anders, wenn es sehr rein ist: dann wiedersetzt es sich hartnäckig jeder Verbindung. Man konnte daraus zwei einander widersprechende philosophische Schlußfolgerungen ziehen: das Reine preisen, das wie ein Schild vor dem Bösen schützt; oder das Unreine preisen, das den Weg freigibt zu Veränderungen und damit zum Leben. Ich verwarf die erste, widerwärtig moralische und verweilte bei der Betrachtung der zweiten, die mir näher lag. Damit das Rad sich dreht, damit das Leben lebt, dazu bedarf es den Unreinen und des Unreinen vom Unreinen: auch, wie man weiß, im Boden, wenn er fruchtbar sein soll. Es muß den Dissens, das Andersartige, das Salz- und das Senfkorn geben; der Faschismus möchte dies nicht, er verbietet es, und deshalb bist du nicht Faschist; er will, das alle gleich sind, und du bist nicht gleich. Aber auch die makellose Tugend gibt es nicht, oder wenn es sie gibt, so ist sie widerwärtig. Nimm also die Kupfersulfatlösung, die im Reagenzglas ist, tu einen Tropfen davon in deine Schwefelsäure und sieh, wie die Reaktion beginnt: das Zink wird rege, bedeckt sich mit einem weißen Mantel aus Wasserstoffbläschen, da haben wir's, der Zauber ist vollbracht, du kannst es seinem Schicksal überlassen, ein wenig durch das Labor spazieren und schauen, was es neues gibt und was die anderen machen.

Die anderen machten allerlei; manche arbeiteten eifrig, pfiffen auch wohl vor sich hin, um unbekümmert zu erscheinen, ein jeder an seiner Hylepartikel; andere schlenderten umher oder betrachteten draußen vor dem Fenster den jetzt gänzlich begrünten Valentino, andere wiederum rauchten und plauderten in den Ecken. In einer Ecke war eine Abzugsvorrichtung, und dort saß Rita. Ich trat zu ihr und bemerkte mit einem Anflug von Freude, daß sie die gleiche Suppe kochte wie ich: mit Freude, denn seit langem scharwenzelte ich um Rita herum, legte mir glänzende redeansätze zurecht, traute mich aber dann im entscheidenden Augenblick nicht zu sprechen und verschob es auf den nächsten Tag. Ich traute mich nicht, weil ich ausgesprochen schüchtern und unsicher war und Rita einem auch irgendwie den Mut zu Annäherungsversuchen nahm. Sie war sehr mager und blaß, traurig und selbstbewußt: die Prüfungen bestand sie gut, aber sie hatte, anders als ich, keine rechte Freude an den Dingen, die sie studierte. Sie war mit niemandem befreundet, keiner wußte näheres von ihr, sie sprach wenig, und all dies zog mich an. Ich legte es darauf an, beim unterricht neben ihr zu sitzen, sie aber schenkte mir kein Vertrauen, und ich fühlte mich enttäuscht und entmutigt. Ja, ich war verzweifelt, und gewiß nicht zum erstenmal: in dieser Zeit glaubte ich nämlich, zu ständiger männlicher Einsamkeit verurteilt zu sein, für immer dem Lächeln einer Frau entsagen zu müssen, das ich doch brauchte, wie die Luft um Atmen. Es war klar, daß sich an diesem Tag eine Gelegenheit bot, die ich nicht verstreichen lassen durfte: zwischen Rita und mir gab es in dem Augenblick eine Brücke, ein Brücklein aus Zink, schmal, aber begehbar; los, tu den ersten Schritt. Während ich um rita herumschwirrte, entdeckte ich einen weiteren glücklichen Umstand: aus der Tasche des Mädchens ragte ein wohlbekannter, gelblicher Bucheinband mit rotem Rand heraus, auf dem Titel ein Rabe mit einem Buch im Schnabel. Der Titel? Man konnte nur "AUB" und "ERG" lesen, aber das genügte: es war mein Leib- und Magen-Buch in jenen Monaten, die zeitlose Geschichte von Hans Castorp in seinem magischen Exil auf dem Zauberberg. Ich fragte Rita nach ihrer Meinung, ängstlich ihr Urteil erwartend, fast so, als hätte ich das Buch geschrieben, mußte mich aber bald davon überzeugen, daß sie diesen Roman ganz anders las. Eben wie einen Roman; es interessierte sie sehr, zu erfahren, wie weit Hans sich bei Madame Chauchat vorwagen würde, und dabei übersprang sie unbarmherzig die (mich) faszinierenden politischen, theologischen und metaphysischen Streitgespräche zwischen dem Humanisten Settembrini und dem jüdischen Jesuiten Naphta. Einerlei, ja mehr noch: ein Feld für die Diskussion. Es könnte geradezu eine gehaltvolle, grundsätzliche Diskussion werden, denn auch ich bin Jude, sie aber nicht: ich bin das Unreine, das die Reaktion des Zinks bewirkt, ich bin das Salz- und das Senfkorn. Das Unreine, bestimmt: denn just in jenen Monaten begann die Zeitschrift "Die Verteidigung der Rasse" zu erscheinen, da war viel von Reinheit die Rede, und ich fing an, stolz zu sein, das ich unrein war. In Wahrheit hatte es mir bis zu jenen Monaten nicht viel bedeutet, daß ich jude war: innerlich und auch im Umgang mit meinen christlichen freunden hatte ich meine Herkunft immer als nahezu unerheblich, wenn auch merkwürdig angesehen, als eine komische kleine Anomalie, wie wenn jemand eine schiefe Nase oder Sommersprossen hat; ein Jude ist, wer zu Weihnachten keinen Weihnachtsbaum schmückt, wer keine Salami essen sollte, es aber doch tut, wer mit dreizehn Jahren etwas hebräisch gelernt und dann wieder vergessen hat. Der obengenannten Zeitschrift zufolge ist ein jude geizig und gerissen: ich war aber weder besonders geizig noch besonders gerissen, und mein Vater war es ebensowenig gewesen.

Es gab mithin vieles, worüber ich mit Rita diskutieren konnte, aber das Gespräch, das ich mir wünschte, wollte nicht in Gang kommen. Ich merkte bald, daß Rita anders war als ich, kein Senfkorn. Sie war die Tochter eines mittellosen, kränklichen Händlers. Die Universität war für sie keineswegs der Tempel des Wissens, sondern ein dornenreicher, beschwerlicher Weg, der zu einem Titel, zu Arbeit und Verdienst führt. Von kindheit an hatte sie selbst gearbeitet: sie hatte dem vater geholfen, war verkäuferin in einem Dorfladen gewesen, und auch damals fuhr sie mit dem Rad durch Turin, um Bestellungen abzuliefern und Zahlungen in Empfang zu nehmen. Dies alles rückte sie mir nicht fern, im Gegenteil, ich fand es bewundernswert, wie alles, was sie betraf: ihre ungepflegten Hände, ihre bescheidene Kleidung, ihren festen Blick, ihre spürbare Traurigkeit, die Zurückhaltung, mit der sie auf meine Reden reagierte. Solcherart reagierte mein Zinksulfat schlecht, es schrumpfte zu einem weißen Pülverchen zusammen, das in stickigen Dunstwolken seine Schwefelsäure ganz oder fast ganz verströmte. Ich überließ es seinem Schicksal und schlug Rita vor, sie nach Hause zu begleiten. Es war dunkel, und sie wohnte ziemlich weit. Objektiv betrachtet war das Ziel, das ich mir gestellt hatte, recht bescheiden, mir erschien es jedoch von einer Kühnheit ohnegleichen: bis zur Hälfte des Weges zauderte ich, ging wie auf glühenden Kohlen und berauschte mich und sie mit atemlos hervorgestoßenen zusammenhanglosen Reden. Schließlich schob ich, vor Erregung zitternd, meinen Arm unter den ihren. Rita zog ihren Arm nicht zurück, erwiderte aber auch nicht den Druck; ich jedoch paßte meinen Schritt dem ihren an und war heiter und siegesgewiß. Ich kam mir vor, als hätte ich eine Schlacht gewonnen, eine zwar kleine, aber entscheidende Schlacht gegen das Dunkel, die Leere und die widrigen Zeitläufe, die anbrachen.

/ Von Primo Levi.