
Eine Science-Fiction-Geschichte. Vielleicht. / - Es kam der Tag, da wollte er nicht mehr so tun, als wüsste er, wovon er redet. Er mochte den souveränen Ton nicht mehr imitieren, in dem alle ihre vermeintlichen Erkenntnisse darlegten, dieses sonore Vibrieren, das die unsichere Basis aller Annahmen übertünchen sollte. Er wusste kaum etwas und war nicht mehr bereit, etwas anderes zu behaupten. Außerdem war es ihm egal, ob die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi oder Vivaldi hieß und wer gerade Landwirtschaftsminister war (oder ob es noch einen gab). Ob die Sunniten oder die Schiiten Mohammeds Schwiegersohn verehrten, war ihm ebenso unbekannt, und es war für ihn auch total irrelevant, da er keine Muslime kannte (die man früher Moslems nannte, noch so ein Fall für die lange Raider-Leningrad-Treets-Liste).
Es kam der Tag, da wollte er nicht mehr so tun, als sei er auf dem Laufenden. Er wusste nicht, warum alle glaubten, das Neue sei wichtiger als das Alte, und wer es als Erster habe, sei der Welt mindestens einen Schritt voraus. Sein erstes Fotohandy konnte er lange nicht benutzen, weil sonst keiner eines hatte und er niemandem seine Fotos schicken konnte - einige Jahre zuvor war ihm das Gleiche mit E-Mails passiert. Er wollte nichts mehr hören vom i Phone, das noch keiner gesehen hatte, nicht mehr verfolgen, wie neue Produkte, Trendsportarten und Marken sich schneller entwickelten und wieder verschwanden als die Blüten an den Bäumen. Und dass die Gitarristen der neuesten Popband, die gerade die Hitparade stürmte (mit im Vergleich zu früher albernen Verkaufszahlen - danke, Web 2.0), stets 20 waren, während er und seine Freunde älter wurden, hielt er auch nicht mehr für normal. Es kam der Tag, da wollte er nicht mehr dafür arbeiten, konsensfähig zu sein. Es war ihm unbegreiflich, wie irgendjemand eine widerspruchsfreie Meinung zu allen Themen des Lebens haben konnte, ohne Fakten zu ignorieren oder Glaubenssätze zu biegen. Er war nicht einmal mit sich selbst einig: Mal wollte er Arbeit für alle, dann wieder Geld für alle, mal hielt er die Israelis für Verbrecher, dann die Palästinenser (wobei er selbstverständlich in beiden Fällen keine Ahnung hatte, wovon er redete), und ob nun die CDU besser war als die SPD oder umgekehrt (beziehungsweise was sie unterschied) konnte er längst nicht mehr sagen. Klar, die Evolution hatte es gegeben, aber mal angenommen, ein Kreationist hätte ihn gefragt, was dagegen spräche, dass Gott die Welt vor 6000 Jahren erschaffen habe - er hätte keine Antwort gewusst. Selbst wenn er nur irgendwo saß und jemand dazukam, mit dem er einige Zeit redete, war er hinterher nicht in der Lage zu entscheiden, wann es langweiliger war: allein oder zu zweit.
Was er wusste, war: Die Stadt ist voller Menschen, das Land dagegen eher unbewohnt. Die Tiere sind zu nichts nütze (außer es sind Nutztiere), und trotzdem geht es ihnen prächtig. Fußgänger gehen am Rand der Straße, Autos fahren in der Mitte (aber selbst da kannte er Ausnahmen). Wenn man einem Bären begegnet (oder war es ein Löwe?), legt man sich flach auf den Boden, und falls man sich das falsch gemerkt hat, wird man es schnell merken. In New York wurden im 20. Jahrhundert mehr als ein Dutzend Menschen von Eisbären getötet, ausschließlich weil sie in Eisbärenkäfige geklettert waren, einige waren Idioten (die glaubten, Bären seien nicht gefährlich oder könnten nicht schwimmen), andere wollten sich umbringen. Das hatte er sich gemerkt - aber welche Schlüsse sollte er daraus ziehen?
Es kam der Tag, da ging er durch einen Park, die Sonne schien, und ihm war leicht. Er musste nicht mehr souverän sein, informiert oder gar modern, nur ein schlichtes Durchschnittswesen. Er setzte sich auf eine Bank, die Wärme durchströmte ihn, und plötzlich sah er vor sich, wie die Welt entstanden war.
Da gab es einst ein hoch entwickeltes Volk, das alles erreicht hatte. Und selbstverständlich hatte es auch ein Internet, mit, klar, einem Second Life, in dem alle das taten, was sie auch in Wirklichkeit taten, nur dass es völlig egal war - ganz wie bei uns. Aber im Gegensatz zu uns waren diese Wesen viel weiter entwickelt, und so kannten sie kaum Probleme. Außer einem: Langeweile.
Bis eines Tages einer auf die Idee kam und ein Third Life entwickelte. Das unterschied sich vom ersten und zweiten Leben vor allem durch seine Hindernisse: Wer es betrat, vergaß, wer er war und woher er kam. Stattdessen bekam er einen Haufen leichter bis schwerer Ärgernisse implantiert: Angst, Misstrauen, Dummheit, Gier. So ausgerüstet, kämpften sich die Mitspieler durch ein Leben, das mühsam war, aber voller erstaunlicher Lehren und Erfolgserlebnisse. Anfangs wussten die Wesen damit nichts anzufangen, doch mit der Zeit sprach sich der Wert des Spiels herum. Denn eines gab es in dieser Welt nicht: Langeweile. Und so strömten die Lebewesen bald massenhaft in das Spiel, für eine Runde, dann noch eine und so weiter. Es war ein großer Erfolg, also dachte sich der Erfinder immer neue Hindernisse aus, in Teilen des Spiels gab es schließlich sogar ein wenig Langeweile. Und so funktioniert es bis heute.
Es kam der Tag, da saß er in einem Park und dachte an dieses Spiel. Es war warm, auf einem Baum quietschte ein Vogel, und er fragte sich, ob er sich an das, was er gerade gedacht hatte, erinnerte oder ob es Fantasie war. Er fragte sich, was ihm eine perfekte Welt zu bieten hatte, und es fiel ihm sofort ein: Er wollte fliegen - in einer perfekten Welt würde er es können. War es an der Zeit aufzuwachen? Doch dann hielt er inne: Wollte er fliegen können - oder wollte er es lieber lernen? Er sah sich das Blau des Himmels durchziehen, und wie es für einige Minuten wunderbar wäre - bis er sich daran gewöhnt hätte. Dann sah er sich Fliegen lernen, jeder kleine Schritt ein Erfolg, eine große Freude. Wie sehr würde er es lieben, nach Jahren auch nur für Sekunden die Erde unter seinen Füßen zu verlieren. Er lächelte und sah hinauf. Keine Wolke war zu sehen. Plötzlich wusste er, warum dieses Spiel so erfolgreich war.
/ Von Peter Lau für brand eins 0607.
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